Traumreisen

Mardin(Vorwort: Was das soll)

In der Frühe am Manhattaner
Stadtrand angekommen
die U-Bahn fährt ins Zentrum
doch vorher lauf ich ein paar Meter
entlang der morgendlichen Avenue.

Nachts drauf begebe ich mich übers Land
suche einen Platz zum Bleiben
ich finde ihn
nicht am Felsen im Osten,
nicht in den Straßen des Westens
nicht in den tropischen Höhen oder in der öden Mitte
nicht in Israel, wo ich mich so rasch es geht
ins Landesinnere absetze
nicht an Sylvester beim Kurzflug
in die Arktis.

Kontinente im Spielzeugformat

Mal fährt mein Fahrrad mich in
ein zwei Stunden locker
in die Schweiz und zurück
alternativ die Tagestour nach Kiel
auf halber Strecke kommt die Brücke
von da an geradeaus über den Fahrradschnellweg
der hinter Hamburg an verwunschenen Wattenseen
vorbei führt.

Manchmal entscheide ich mich auch
Für einen Aufenthalt auf dem langgezogenen, mit
Waldspielplätzen übersäten Amrum und irgendwie
schaffe ich es immer, nach Skandinavien überzusetzen
Es zu kreuzen bis zur großen Bucht an der Nordspitze.
Linkes Ufer, rechtes Ufer, egal, wir müssen zurück.

Andernachts lande ich in England
meist per Zug über die Brücke, der Himmel
zwischen heiter und bedeckt
gerne kreuze ich die Insel
obgleich in der Ahnung
nichts verloren zu haben
ein kollegialer Ausflug ins besinnlich verschneite Schottland
endet freundlich an einem unverbindlichen Berg
wie auch die Erkundung afrikanischer Mittelzentren
stets eine Stippvisite bleibt.

Zwischenlandung in den Kordilleren
Verfolgungsjagd am Rande des Nationalparks Südamerika
Wenn ich fliege, dann dicht über dem Boden,
in engen Kurven Wipfel streifend
wenn ich umsteige, dann wieder und wieder
einsam und verrucht nachts am Hauptbahnhof
hinter dem sich Richtung Bockenheim ein totes Bankenviertel erstreckt
und immer vertue ich mich auf dem öden Zubringer zwischen
Neu Isenburg und Zeppelinheim der trotz fehlenden Verkehrs
erst frisch verbreitert wurde
schrecklich lahm und unübersichtlich die Stadtbahnfahrten
in diesem Rhein-Main-Gebiet.

Umso einfacher dagegen die Radfahrt
Start oder Bahnhof Buchschlag parallel zu den Gleisen
Oder in Gegenrichtung die Stelle suchen zu ihrem Überschreiten

In Berlin lande ich am Ausgang des Tunnels
im fernen Osten um von dort in den Westen zu fahren.
Das Hotel in einem dieser dünn besiedelten Bezirke,
von wo aus das Studio gut mit Rad und Tram erreichbar ist.
In Argentinien führt mich die Wanderung
vom Süden nordwärts bergauf in baumfreie
und menschenarme Zonen
und zurück an die große Küstenstadt mit der Promenade
wo sich unsere Wege trennen.

Ausflugsziel in Stuttgart ist eine Fahrt mit der Bergbahn
zu einem der kahlen Hausberge.
Das Funkhaus mal ein riesig großer Kasten
mal eine langes langes unterteiltes Zelt
mit Zugang über den tiefer gelegten
Schauspiel-Opern-Studiosaal.
Das in Frankfurt mit großem Entree
Und den unbekannten Mitarbeitern aus alten Zeiten
Der Deutschlandfunk mit seinem zentralen Fahrstuhl
Den WDR auf der anderen Seite der Schlucht in Sichtweite.

Budapest bleibt
am Ende jenes langen engen Seitentals
Nach Spanien geht es über die vertrauten
Etappen einmal über den Bergrücken
Dann hangparallel durch den Wald
Pause in einer modernen mediterranen Altstadt
Mit auslaufender Marmorpflastertreppe,
Barcelona schließlich, das heiße
trockene Nadelöhr
manchmal erreiche ich noch Lissabon
wo ich der unübersichtlichen Verkehrssituation
gleich ins Ferienhaus an der gegenüberliegenden Küste der Halbinsel
entfliehe.

Ein Dorf entlang eines engen schmalen Bachlaufs.
Ein als Spaßbad angelegter Natur-Wasserfall

Auf der anderen Seite des Mittelmeers ein Land,
das auf –an endet. Oman, Sudan oder so ähnlich.
Bagdad, 5-Sterne-Hotel in der Wüste, von dort
Ausflug zu den Ausgrabungsstätten um die felsige Ecke
mit dem prachtvollen alten Palast
vor der Abreise noch schnell ein Kurztrip durch die
im Wiederaufbau befindlichen trümmerbeladenen
Straßen, aber der kleine Supermarkt hat alles, was man braucht.

In meinen dämmrigen Expeditionen
begegne ich
durch Yucatán irrend Orten
an denen ich schon war
wie haben sie sich verändert
stets zum Hässlichen
gefährlicher verrummelter falscher
ich besuche sie ohne Ziel
mehr aus Verlegenheit um festzustellen
sie behagen mir nicht mehr.

Bis auf den saften Hang im französischen Süden
als die frühlingsgeladene Dämmerung kurz innehielt
und der Hügel gegenüber sich mit mir zur Ruhe legte.

G. Paál – Traumarbeit

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