Realphilosophie – Wo sich Natur- und Geisteswissenschaften Guten Tag sagen

Es seien zwei „Kulturen“, behauptete vor 50 Jahren der Physiker Charles P. Snow. Natur- und Geisteswissenschaftler ticken anders, arbeiten anders, veröffentlichen anders; sie haben eine unterschiedliche Auffassung von Wissenschaft, kurz: Sie haben sich eigentlich wenig zu sagen. Und heute? Die Grenzen zwischen den beiden „Kulturen“ verschwimmen. Das Geistige ist längst zum Gegenstand empirischer Naturwissenschaft geworden; die Natur zum Interpretationsobjekt für Philosophen und andere Geisteswissenschaftler.

Das macht sich vor allem dort bemerkbar, wo es im weitesten Sinn um Information geht: In den Kommunikationswissenschaften, der Neuropsychologie, der Robotik oder der Gedächtnisforschung. Information ist die Elementareinheit aller geistigen Prozesse, zugleich lassen sich Informationsprozesse in vielen Bereichen mit naturwissenschaftlichen Methoden beschreiben, untersuchen und technisch vielseitig nutzen.

Die Grenzen verschwimmen darüber hinaus in denjenigen Wissenschaften, die sich der facettenreichen Entstehung der menschlichen Kultur widmen. Die Zeitskalen, in denen sich Evolutionsforscher und Historiker bewegen, gehen heute nahtlos ineinander über. Wissenschaftler beschreiben die Geschichte des Denkens – und somit des Geistes – heute nicht nur, aber auch anhand von neurowissenschaftlichen und evolutionstheoretischen Modellen. Und auch in den zentralen Debatten der Gegenwart – Bioethik, Neuroethik, Globaler Wandel – begegnen sich zwangsläufig Vertreter beider „Kulturen“.

Früher wurde die Unterscheidung daran festgemacht, dass die Naturwissenschaften „exakt“ und die Geisteswissenschaften „hermeneutisch“ arbeiten. Doch die genannten informationsbasierten Wissenschaften bewegen sich zwangsläufig auf der Grenze zwischen exakt und hermeneutisch. Und auch sonst ist die Unterscheidung überholt. Zwar wird üblicherweise der Begriff hermeneutisch vor allem für die Interpretation von Texten gebraucht. Das erweckt den Eindruck, als handele es sich um eine rein literarisch-geisteswissenschaftliche Angelegenheit. In Wirklichkeit lassen sich die Attribute exakt und hermeneutisch nicht einzelnen Disziplinen zuzuordnen. Es gibt vielmehr in den meisten Fächern sowohl exakte als auch hermeneutische Ansätze. Es gibt exakt arbeitende Geschichtswissenschaftler, die historische Ereignisse in ihrem Verlauf rekonstruieren wollen und zu diesem Zweck die Quellen nach harten Fakten auswerten. Ein solcher Historiker könnte zu der Erkenntnis gelangen, dass der Entscheidung X eines bestimmten Herrschers ein Ereignis Y vorangegangen war. Eine hermeneutisch arbeitende Kollegin dagegen könnte nach ebenso sorgfältigem Quellenstudium die These wagen, dass „X die natürliche Reaktion auf Y“ war, oder dass die Ereignisabfolge X-Y charakteristisch ist für die „Epoche des Ixypsilonismus“. Hermeneutisch arbeitende Historiker gehen also Fragen nach wie: Warum haben die einzelnen historischen Figuren so und nicht anders gehandelt? Wie stark waren sie durch ihre Zeit geprägt? Welche anderen ideengeschichtlichen Einflüsse haben dabei eine Rolle gespielt? Solche Forschungen versuchen, die geschichtlichen Entwicklungen auf einer empathischen Ebene zu interpretieren.

Umgekehrt sind auch die Naturwissenschaften nicht durchweg exakt. Immer dann, wenn sie in naturphilosophische Fragestellungen münden, stellt sich die hermeneutische Aufgabe, sich in die „Logik der Natur“ einzudenken; in die „Logik“ des Universums, der Evolution oder des menschlichen Gehirns. Mit anderen Worten: immer dann, wenn die Wissenschaft in naturphilosophische Fragestellungen mündet, die sich mit wissenschaftlichen Mitteln nicht beantworten lassen, wird sie in diesem Sinne hermeneutisch. Dann „deutet“ sie die Natur.

Dritte Kultur als Realphilosophie
Zunehmend wächst die Schnittmenge von Geisteswissenschaftlern, die sich auf naturwissenschaftliche Befunde stützen und Naturwissenschaftlern, die im Dialog mit Geisteswissenschaftlern sind. Die interessantesten Entwicklungen in der Archäologie, Anthropologie und Psychologie sind diejenigen, die sich von kognitionswissenschaftlichen und evolutionstheoretischen Modellen inspirieren lassen. Der Geograph Jared Diamond erhebt mit seinen jüngsten Büchern explizit den Anspruch, eine naturwissenschaftliche Geschichtsschreibung zu begründen.

Diese und viele weitere Autoren sind zugleich ein Beweis dafür, dass ein weiteres klassisches Unterscheidungsmerkmal zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern nicht mehr uneingeschränkt gilt. Als Charles P. Snow die gewaltigen Unterschiede zwischen den „zwei Kulturen“ aufzählte, stellte er fest: Naturwissenschaftler schreiben Artikel in Fachzeitschriften, die in immer kürzerer Zeit schon wieder überholt sind. Literatur- und Geisteswissenschaftler schreiben dicke Wälzer, Lebenswerke. Doch dieses Unterscheidungskriterium ist seit geraumer Zeit überholt. Richard Dawkins, Gregory Bateson, Roger Penrose, Jared Diamond oder Lynn Margulis sind nur einige Vertreter der „Dritten Kultur“, wie der Literaturagent John Brockman diese Gattung von Wissenschaftlern bezeichnet hat. Sie kommen aus den „exakten“ Wissenschaften und sie schreiben dicke Bücher. Und zwar nicht im Sinne von Lehrbüchern oder „Übersichtswerken“, sondern Büchern, in denen sie – wie Geisteswissenschaftlern auf hunderten von Seiten eine eigene These entwickeln.

Der Ausdruck „Dritte Kultur“ spielt unmittelbar auf Snows „zwei Kulturen“ an. Brockman beschreibt diese Third-culture-Wissenschaftler als eine Brücke zwischen der Welt der exakten Wissenschaft und der Welt der literarischen Intellektuellen. Er selbst bezieht sich in dem Zusammenhang meist auf Naturwissenschaftlern. In Deutschland stießen Brockmans Thesen auf ein geteiltes Echo. Viele Wissenschaftler finden sie völlig überzogen, insbesondere den Anspruch, hier trete eine neue Kaste von Wissenschaftlern an, die Welt zu erklären. Sie sehen in der Idee der „Dritten Kultur“ vor allem eine Marketingstrategie – schließlich verdient Brockman sein Geld mit Büchern aus dem entsprechenden Themenspektrum. Doch es gab auch andere Reaktionen. Die Idee einer „Dritten Kultur“ war für die FAZ der Anlass, Ende der 1990er Jahre ihre Wissenschaftsseiten ins Feuilleton zu verlagern. Seit etwa der gleichen Zeit bringt der Spiegel regelmäßig „Dritte-Kultur-Themen“ auf die Titelseiten und lockt seine Leser mit Dokumentationen über den Ursprung der Sprache, das Ende des Universums oder über „Neurotheologie“.

Brockmans Vorstellung es wachse ein grundlegend neuer Typ von Wissenschaftlern heran, den es früher nicht gab, war jedoch falsch. Die deutschen Physiker Erwin Schrödinger und Werner Heisenberg wären gute Gegenbeispiele. Und selbst der Anspruch ist keine grundlegend neue Erscheinung. Was Brockman als „dritte Kultur“ beschreibt, entspricht ziemlich genau dem, was Hegel Realphilosophie genannt hat: Er meinte damit die Anwendung von Logik und exaktem Denken auf die reale Welt. Hegel dachte dabei tatsächlich primär an Fragen der Naturwissenschaften, denn er bezog sich in seinen Ausführungen ausdrücklich auf Beispiele aus der Astronomie und der Biologie. Angesichts der heutigen Entwicklung verdient sein Begriff Realphilosophie eine Wiederbelebung. Realphilosophie als das systematische Nachdenken über existenzielle Fragen auf der Grundlage harter empirischer Daten – im Gegensatz zum literarischen und häufig begriffsverliebten Herumphilosophieren.


Realphilosophie


 

Kosmos, Leben, Geist, Kultur – Mehr Realphilosophie in der Bildung!
Realphilosophie ignoriert die traditionellen Bereichsgrenzen. Sie interessiert sich für Kosmologie, Quantenmechnik, Relativitätstheorie, Evolution, Menschwerdung, Denken, Bewusstsein, Chaos, Kybernetik und vor allem: für die Wechselwirkung zwischen Technik und Gesellschaft. Sie fragt immer dort weiter, wo die empirische Wissenschaft an ihre Grenzen stößt, wo sie keine sicheren Antworten geben und nur mehr oder weniger sinnvoll spekulieren kann. Sie befasst sich damit, wie die Welt beschaffen ist, nach welchen Regeln sie sich wandelt, und das auf allen Organisationsebenen der Welt: dem Kosmos, dem Leben, dem Geist und der Kultur. Die fruchtbarsten Ideen entstehen dabei an den Schnittstellen dieser vier Organisationsebenen. Ich denke an Roger Penrose mit seinen höchst anregenden (wenn auch im Ergebnis nicht überzeugenden) Überlegungen über eine Quantenphysik des menschlichen  Bewusstseins nachdenkt (Kosmos und Geist); oder an Lee Smolin mit seiner Evolutionstheorie des Universums (Kosmos und Leben); oder an Steven Mithen mit seiner (leider nie in Deutsche übersetzten) Prehistory of the mind, in der er die Entstehung von Kunst, Religion und Musik kognitionswissenschaftlich begründet (Geist und Kultur).


Jedem Anfang sein Zauber


Als in der Stuttgarter Zeitung eine Kurzfassung dieses Texts erschienen ist und kurz darauf auf Brockmans Website Edge.org aufgegriffen wurde, ist mir anhand der dortigen Reaktionen klar geworden, dass ich noch einem möglichen Missverständnis vorbeugen sollte: Auch wenn der Begriff Realphilosophie und die damit verbundene Grundidee auf  zurück geht, geht es mir nicht darum, seine Philosophie wieder aufleben zu lassen. Innerhalb von Hegels Werk nimmt die Realphilosophie keine zentrale Stellung ein, sie gehört nicht zu seinen Leitgedanken. Auch was er in dem Zusammenhang über Astronomie und Biologie schreibt, um seinen Gedanken zu illustrieren, ist natürlich aus heutiger Sicht völlig überholt. Dennoch erscheint mir der Anspruch, den Hegel an die Realphilosophie gestellt hat, noch immer aktuell, wobei Hegel selbst sicher nicht als Realphilosoph zu bezeichnen wäre. Wenn man Vertreter in seiner Zeit suchen wollte, dann wohl eher Adam Smith, Thomas Malthus, Georges Cuvier, James Hutton und, etwas später natürlich, einer der wichtigsten Realphilosophen aller Zeiten: Charles Darwin.

Realphilosophie, so könnte man sagen, vereinigt Natur- und Kulturphilosophie, nachdem die Grenzen zwischen ihnen verschwommen sind.

Sie ist nicht einfach nur eine interessante Angelegenheit. In ihr steckt auch ein noch größtenteils ungenutztes Potential: Häufig wird geklagt, dass sich zu wenige junge Menschen für Naturwissenschaft und Technik interessieren. Die Versuche, dies zu ändern, laufen bislang darauf hinaus, Schülerinnen und Schüler mit mehr praxisnahen technisch orientierten Fächerangeboten zu ködern. Einen Teil von ihnen wird man damit vermutlich auch gewinnen. Gleichzeitig aber wird die Chance vertan, auch über die Faszination an realphilosophischen Themen Interesse zu wecken, und auf diese Weise zugleich ein Verständnis für zeitgemäßes wissenschaftliches Denken zu vermitteln. Hier liegt noch einiges brach.

 

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