Schattendasein. Oder: Was die Geschichte des Lasers über Technikfeindlichkeit verrät

Vortrag anlässlich der Verleihung des Innovationspreises 2010 der Berthold-Leibinger-Stiftung

Gábor Paál

Sehr geehrter Herr Prof. Leibinger,Laser1
sehr geehrte Frau Dr. Leibinger-Kammüller,
liebe Preisträger,
sehr verehrte Gäste!

Sie sind hoffentlich ein wenig irritiert, dass jetzt ein Programmpunkt kommt mit der Überschrift „Schattendasein“. Ich dachte aber, das passt zum 50. Geburtstag des Lasers und zu dieser Veranstaltung, bei der das Licht im Mittelpunkt steht. „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten“ – das gilt nämlich auf unerwartete Weise auch für die Lasertechnologie. In meinem Vortrag soll es jetzt allerdings nicht um irgendwelche Schattenseiten oder „dunkle Aspekte“ der Lasertechnologie gehen, sondern um das gesellschaftliche Schattendasein.

Ich habe kürzlich spaßeshalber in der „Technologie-Stadt“ Karlsruhe eine Umfrage unter Passanten gemacht und sie gefragt: Was sind für Sie die bedeutendsten Techniken unserer Zeit? Welche Techniken haben die letzten Jahrzehnte entscheidend geprägt? Welche werden die nächsten Jahrzehnte maßgeblich verändern? 95% der Antworten lauteten „Computer“, „Internet“ und „Handy“. Selten fielen auch Begriffe wie „Photovoltaik“, „Neue Materialien“ oder „Gentechnik“ (mit dem Zusatz „find’ ich aber nicht so gut“). Aber das Wort „Laser“ ist kein einziges Mal gefallen. Das ist ein solches Erlebnis, in dem sich das Schattendasein dieser Technik bemerkbar macht: Sie gehört zu den einflussreichsten Innovationen des 20. Jahrhundertes – auch das Internet, wie wir es kennen, wäre ohne Laser nicht denkbar. Nur weiß das kaum jemand. Das zweite Phänomen drückt sich in der gesellschaftlichen Haltung gegenüber dieser Technik aus. Sie kennen alle die Bilder von Anti-Atom-Protesten, Sie kennen die Bilder von Gentechnik-Gegnern, die Versuchsfelder mit gentechnisch veränderten Pflanzen zerstören. Gegen die Lasertechnik wurde nie protestiert – im Gegenteil: Im Laser-Licht der Discos gerieten die Menschen in Exstase.

Der Laser hat nie „Gegner“ auf den Plan gerufen. Das aber hat das Schattendasein begünstigt: Die Laser-Technologie hat einfach nicht das gleiche Maß an gesellschaftlicher Aufmerksamkeit erfahren. Das kann bis zu einem gewissen Punkt auch ein Vorteil sein: Wenn eine Technologie nicht in den Schlagzeilen ist, dann wird sie auch weniger politisiert; dann ist die Gefahr geringer, dass man gegen irgendwelche diffusen Stimmungen in der Gesellschaft ankämpfen muss oder dass Politiker aus Populismus oder mit Blick auf bestimmte Wählergruppen spontane Entscheidungen treffen, die mit der Sache nichts zu tun haben. Insofern hat so ein Schattendasein auch etwas für sich. (Ich spreche hier übrigens aus Erfahrung, denn uns beim Radio geht es zum Teil ähnlich: Was die Kollegen im Fernsehen machen, steht viel mehr unter Beobachtung sowohl durch die Politik, als auch durch unsere Gremien. So bringt auch dieses Schattendasein uns Radiojournalisten gewisse Vorteile mit sich: Wir können relativ ungestört arbeiten.)

Die Frage bleibt: Warum hat die Laser-Technik praktisch nie Akzeptanzprobleme gehabt? Warum ist es ihr nicht so ergangen wie der Atomenergie und der Gentechnik? Die Voraussetzungen waren ja durchaus gegeben. Warum etwa ist die Kernenergie so umstritten? Zum einen natürlich liegt das an den realen Problemen, die sie mit sich bringt – da ist das Restrisiko eines Unfalls, Stichwort Tschernobyl und zum anderen natürlich die vielen radioaktiven Abfälle, von denen immer mehr anfallen und bei denen noch immer nicht klar ist, wo sie sicher deponiert werden können. Diese konkreten Probleme muss man ernst nehmen, man muss sie diskutieren, aber das will ich jetzt hier gar nicht tun, mir geht es um einen anderen Punkt. Denn in den Anfängen der Anti-Atomkraft-Bewegung standen diese konkreten Bedenken noch gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Ausgangspunkt waren viel grundlegendere moralische Argumente.

Zum einen: Das Spalten von Atomkernen wurde schlicht als unerlaubter Eingriff in die „Natur“ empfunden. Der Mensch dürfe nicht Gott spielen – so haben die Kernkraftgegner oft gesagt und damit zum Ausdruck gebracht, dass es ihnen nicht nur um die Sicherheit dieser Technik geht, sondern letztlich auch um die Grundhaltung. Wenn der Mensch Atome spaltet, greift in die Grundbausteine der Natur ein. Darf er das? Damit verbunden war natürlich gleich die zweite Argumentationsfigur, nämlich das Motiv des „Zauberlehrlings“: Der Mensch setzt da etwas in Gang, was er nicht mehr kontrollieren kann. Nur über diese Argumentationsfigur erklärt sich, warum mit der Zeit die Atomenergie einen großen Widerstand hervorgerufen haben, selbst unter Leuten, die gar nicht wissen, wie ein Atom aufgebaut ist oder wie ein Kernkraftwerk funktioniert. Ich glaube, man tut der Anti-AKW-Bewegung nicht unrecht, wenn man sagt, die meisten Kernenergiegegner hatten – noch bevor sie sich genauer mit der Materie beschäftigt haben – am Anfang erstmal dieses ganz grundsätzliche Unbehagen, und die differenzierten Argumente erst später dazu.

Bei der Gentechnik ist es ganz ähnlich. Auch da gibt es zum einen ganz praktische Sorgen, dass sich gentechnisch veränderte Pflanzen unkontrolliert ausbreiten, oder dass die neuen Gene unerwünschte Nebeneffekte haben. Vielen Gegnern gefallen auch, was ich nachvollziehen kann, die bisherigen Geschäftsmodelle in der Gentechnik nicht, wo es Patente auf gentechnisch veränderte Pflanzen gibt und mächtige Chemiekonzerne Landwirte in armen Ländern mit ihrem Saatgut in Abhängigkeit bringen. Das sind ganz praktische Probleme, die man genauso ernst nehmen muss wie das Endlagerproblem bei der Kernenergiedebatte. Aber daneben gibt es eben auch bei der Gentechnik ein viel grundsätzlicheres Unbehagen. Nämlich, dass der Mensch auch hier auf bisher nicht dagewesene Weise die Natur manipuliert, indem er gezielt das Genom von Pflanzen verändert, oder, noch schlimmer, Gene von verschiedenen Organismen vermischt, also z.B. Gene eines Bakteriums ins Erbgut einer Pflanze einbringt, oder ein menschliches Gen ins Gen einer Maus. Mit anderen Worten, indem der Mensch ins Erbgut eingreift, greift er in den Augen vieler Gegner in die Schöpfung ein und schafft Lebewesen, die es vorher nicht gab. Heute sind auch diese grundsätzlichen Argumente in der Debatte in den Hintergrund getreten, aber zu Beginn des Widerstands gegen die Gentechnik war das schon oft zu hören: Wenn der Mensch Gene manipuliert, spielt er wieder mal Gott.

Es gibt also klare Parallelen: Im Fall der Kerntechnik greift der Mensch in die Grundbausteine der Materie eingegreift, im Fall der Gentechnik dagegen in die Bausteine des Lebens, und die damit verbundenen Ängste sehr ähnlich. Ich bin sogar sicher, dass der Widerstand gegen die Kernenergie den geistigen Boden auch für den Widerstand gegen die grüne Gentechnik bereitet hat, weshalb ja auch zwischen beiden Gruppen eine große Schnittmenge gibt. Bestes Beispiel ist Greenpeace: Für Greenpeace waren ja beide Themen – Kernenergie und Gentechnik – ganz wichtige Themen ihrer Kampagnen. Vielleicht versuchen Sie jetzt anhand dessen, was ich sage, herauszuhören, wie ich nun zu diesen Techniken stehe, aber darum geht es mir jetzt hier gar nicht, dazu bräuchte ich eigene Vorträge. Mir geht es an dieser Stelle nur darum zu verdeutlichen, warum diese Techniken auch bei denen, die sich nicht damit auskennen, ein so großes Protestpotential wecken konnten.

Und damit bin ich wieder beim Laser: Es wird den gerade Deutschen oft unterstellt, sie seien „technikfeindlich“. Und wenn man das unterstellt, und wenn man sich die geschilderten Entwicklungen ansieht, dann stellt sich schon, die Frage, warum gab es in unserer angeblich so ängstlichen Gesellschaft nie eine Anti-Laser-Bewegung? Denn viele Elemente der Kernenergie und der Gentechnik hätte auch bei der Lasertechnik finden können. Man kann es ja auch so sehen: Der Mensch greift in die Natur des Lichts ein, er „schafft ein Licht, das es in der Natur nicht gibt“. Angenommen, ich würde in den 70er Jahren leben und würde versuchen, eine ansehnliche Gegnerschaft zu mobilisieren, dann könnte ich mir noch mehr einfallen lassen. Ich würde die Laser-Techniker als kalte Technokraten hinstellen, die das herrliche Regenbogenspektrum des sichtbaren Lichts kaltblütig auf eine einzige Wellenlänge reduzieren. Die die Lichtwellen, die sich sonst frei und in jede Richtung im Raum ausbreiten, zwingen, wie Soldaten im Gleichtakt zu marschieren. Schande über den Menschen, der sich so etwas ausdenkt! (Es konnte ja niemand ahnen, dass unser heutiger Preisträger, Professor Majib Ebrahim-Zadeh, eines Tages dem Laser-Licht das volle Lichtspektrum zurückgeben würde.) Kurz: Wenn man rhetorisch einigermaßen versiert ist, hätte die Laser-Technik einiges hergegeben.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45139785.html

“Waffenstrahlen” Der Spiegel, 1962

Das Bild mit den Soldaten habe ich noch aus einem anderen Grund gewählt: Gerade in den 1970er/80er Jahren stand ja alles, was irgendwie nach Militär und Krieg klang, unter Generalverdacht. Das wäre übrigens eine weitere Parallele zur Kernenergie gewesen. Die hat natürlich auch deshalb Ängste mobilisiert, weil die Leute nicht nur Tschernobyl im Kopf hatten, sondern auch Hieroshima.

“Todesstrahlen”
Der deutsche Titel des ersten Buchs über die Geschichte des Lasers

Sprich, eine Technik, für die sich vor allem auch die Militärs interessieren, eine Technik mit großem Zerstörungspotential, hat es auch besonders schwer. Und auch von dieser Seite hätte die Lasertechnik theoretisch auf Widerstand stoßen können, denn anfangs war es ja wirklich so, dass die neue Technik in diese Schublade gesteckt wurde.

Laserkill-kl

… und anderer Unfug

 

 

 

 

 

Jetzt könnte man sagen, vielleicht kam die Lasertechnik da ein paar Jahrzehnte zu früh, die Friedensbewegung kam er ja erst in den 70er/80er Jahren auf.

 

Andererseits, es waren ja die 1970er Jahre – Stichwort Star Wars – als in Science-Fiction-Filmen Krieger mit Laserwaffen gegeneinander kämpften, und in den 80er Jahren – zum Höhepunkt der Friedensbewegung – wollte Ronald Reagan gerade sein „Star Wars“ Abwehrsystem im Weltraum installieren wollte, und da dachte er ja auch an Laser-Waffen, die feindliche Raketen zerstören.

Zusammen gefasst bedeutet das: Die Voraussetzungen waren gegeben, um großangelegte Proteste gegen die Lasertechnik hervorzurufen: Der Mensch greift in die Grundlagen der Natur ein; und er schafft neue zerstörerische Waffen, die – das ist ja dann immer die Sorge – leicht in falsche Hände geraten können.

Und dann fällt noch etwas auf. Es gab ja durchaus Versuche, die Lasertechnik zu dämonisieren, und das möchte ich an einem Beispiel deutlich machen, das den meisten von Ihnen vertraut ist.

Goldfinger-kl1960 entstand der erste Laser, 1964 wurde der James-Bond-Film Goldfinger gedreht. Wir sehen hier den Bösewicht, Goldfinger, wie er James Bond mit einem Laser bedroht. Bond liegt gefesselt auf einem goldenen Tisch, der Laserstrahl zwischen seinen Beinen schneidet sich immer weiter vor in Richtung auf Bonds zentrale Körperteile. Goldfinger erklärt dazu:

„Sie sehen hier einen Laserstrahl vor sich. Er strahlt ein ganz ungewöhnliches Licht aus, das es in der Natur nicht gibt. Er kann einen Lichtfleck auf den Mond projizieren oder, auf kurze Entfernung, sogar Metall durchschneiden. Ich werd’s Ihnen zeigen…“

Hier haben Sie es wieder: „Ein Licht, das es in der Natur nicht gibt“. Dies ist eine der bekanntesten Szenen in der Geschichte der James-Bond-Filme – vor allem wegen des anschließenden Dialogs: James Bond: Erwarten Sie von mir dass ich rede? Goldfinger: Nein, ich erwarte von Ihnen, dass Sie sterben.

Im zugrundeliegenden Roman von Ian Fleming gab es noch keinen Laser. Im Buch hat Goldfinger an dieser Stelle eine Kreissäge benutzt. Aber die Drehbuchautoren wollten auf der Höhe der Zeit sein und ersetzten die Kreissäge durch einen Laser. Allerdings: Der Laser im Bild war tatsächlich eine Attrappe – der Laserstrahl wurde erst nachträglich in den Film hinein projiziert. Die Bank, auf der Sean Connery lag, wurde in Wirklichkeit von unten mit einem Schweißbrenner durchsägt…

Aber es ist ja nicht bei Goldfinger geblieben. In Der Mann mit dem Goldenen Colt zerstört der Bösewicht, gespielt von Draculadarsteller Christopher Lee mit einem Lichtstrahl Bonds Flugzeug und beraubt ihn damit seiner Fluchtmöglichkeit. Nun könnte man sagen, das war ja jetzt wie bei Goldfinger nur ein kleiner Filmeffekt. Aber es kam noch dicker. 1971 kommt Diamantenfieber in die Kinos. Hier nun spielen Laser eine zentrale Rolle in der Handlung. Denn der Bösewicht, Ernest Stavro Blofeld, besorgt sich illegal geschmuggelte Diamanten, um die Welt zu erpressen. Er baut einen Satelliten, von dem aus er – und dazu braucht er die Diamanten – einen zerstörerischen Laserstrahl auf die Erde schicken und ganze Städte vernichten kann.

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Der Laser – in Diamantenfieber eine Bedrohung für die ganze Erde

Interessant hierbei: die verquere Logik. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass Diamanten bei der Herstellung von Laserlicht eigentlich gar keine Rolle spielen. Erst vor zwei Jahren wurden die ersten Diamantenlaser gebaut und die Einsatzgebiete sind, wenn ich es richtig sehe, doch sehr begrenzt, und selbst dafür müssen es Industriediamanten, natürliche „Schmuggeldiamanten“ taugen für Laser gar nichts. Aber da sieht man, wie öffentliche Wahrnehmung funktioniert, denn die Logik der Drehbuchautoren war offenbar ganz einfach: Bei den ersten Lasern kam das Licht noch aus einem Rubin heraus. Da Diamanten bekanntlich noch edler, noch härter, noch „reiner“ sind, muss ein Diamantenlaser noch präziser, noch besser, noch gefährlicher sein. Was für ein herrlicher Unsinn! Das gleiche Handlungsmotiv wurde übrigens Jahrzehnte noch einmal im James-Bond-Film Die another day – Stirb an einem anderen Tag – aufgegriffen, diesmal mussten es natürlich „Blutdiamanten“ sein.

Wenn man das alles zusammen nimmt, kommt an zum Ergebnis: keine Technik kommt in den James-Bond-Filmen so böse weg wie die Lasertechnik. Und jetzt sagen sie nicht: naja, James-Bond-Filme sind ja nur Unterhaltung, die haben ja keinen Einfluss auf die Gesellschaft. Glauben Sie das nicht! Nur ein Beispiel: Im letzten James-Bond-Film gab es eine kurze Szene, die bei den Bregenzer Festspielen spielt, die Folge war, dass es im letzten Jahr in Bregenz einen absoluten Besucherrekord gab, die Besucherzahlen haben sich gegenüber dem Vorjahr um 50% erhöht!

James-Bond-Filme sind bekannt dafür, dass sie aktuelle politisch-gesellschaftliche und technische Themen aufgreifen und ihrer Zeit dabei manchmal sogar voraus sind – insofern ist es eigentlich seltsam, dass die Lasertechnik in den Filmen so negativ besetzt ist. Wie gesagt, die Filmemacher haben es immer wieder versucht, trotzdem hat sich das zu keiner Zeit in Form einer gesellschaftlichen Ablehnung oder diffuser Angst vor der Lasertechnik übertragen.

Wir müssen uns also fragen, warum das so kam. Hier sehen Sie drei Plaketten – die ersten beiden kennen Sie alle. Doch warum haben wir so eine wie die rechte nie gesehen?

atomkraft-nein Danke-klGenfood Nein danke - klanti-laser-kl

Ich möchte hier zum Schluss ein paar mögliche Antworten liefern.

Eine ist: Die Menschen ängsten sich vor allem vor Gefahren, wenn sie sie nicht sehen. Radioaktivität sieht man nicht – sonst hätte es nach Tschernobyl keine Debatte darüber gegeben, wo der Boden noch verseucht ist und wo nicht (Nachtrag: auch Fukushima bleibt vor allem wegen der Reaktorkatastrophe in Erinnerung, obwohl die meisten Menschen durch das Erdbeben und den Tsunami umgekommen sind). Radioaktive Strahlen sind unsichtbar und deshalb wirken sie so bedrohlich. Auch gentechnisch veränderte Pflanzen sehen erstmal genauso aus wie normale Pflanzen auch, um so größer die Sorge, wer weiß, was die Gene anrichten, wer weiß, wohin der Wind die Pollen trägt, man sieht es ja nicht. Und wenn man es sieht, ist es zu spät. Die Angst vor den Gefahren, die man nicht gleich sieht, ist vermutlich auch mit ein Grund, warum der Klimawandel so viel stärker in den Medien ist als etwa die Übernutzung von Böden und natürlichen Ressourcen. Den Klimawandel ist eine statistische Größe, man sieht ihn nicht, man kann ihn nur ahnen.

Auf der anderen Seite: Nichts ist so sichtbar wie ein Laserstrahl. Licht, auch wenn es künstlich ist, ist geradezu der Inbegriff der Sichtbarkeit schlechthin. Man sieht, wo der Strahl ist und wo er hintrifft, er nimmt einen klar umrissenen Raum ein. Das ist aus meiner Sicht ein zentraler Grund dafür, dass jeder Versuch, diffuse Ängste gegen diese Technik zu schüren, zum Scheitern verurteilt war.

Ein weiterer Punkt ist auch: Ein Laserstrahl kann sich nicht unkontrolliert ausbreiten – anders als radioaktive Strahlung oder genmanipulierte Pflanzen. Man kann ihn ausschalten, und dann ist er weg.

Das militärische Moment hätte noch ziehen können. Denn, wie gesagt, Phantasien über eine zerstörerische Laserwaffen im Weltraum gab es noch in den 80er Jahren, also auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung. Doch nachdem da die Laser schon für Augenoperationen eingesetzt wurde und in den Diskos angelangt war, richtete sich hier der Protest gegen die Waffen und das Wettrüsten an sich, nicht gegen die Laser-Technik. Heute ist ohnehin klar: zum Abschießen fremder Raketen taugen Laser herzlich wenig, und auch unsere Polizei verfolgt aus gutem Grund Verbrecher noch nicht mit „Laser-Schwertern“.

Was neue Techniken betrifft, die heute in die Gesellschaft eindringen, scheinen wir ohnehin weiter zu sein. Zwar wird kontrovers debattiert über Chancen und Risiken von Nanotechnologie, Hirn-Doping oder dem Web 2.0. Doch es gibt keine „Anti-Nano-Proteste“, keine Demonstrationen gegen „Neuro-Enhancement“ und schon gar nicht gegen das Internet – trotz gelegentlicher Entrüstung über das Gebahren von Google oder Facebook. Die Gesellschaft lässt sich nicht mehr so leicht in “Befürworter” und Gegner” spalten. Beide Seiten haben dazu gelernt: Die Technologiefirmen stellen sich den notwendigen Diskussionen und Sorgen aus der Bevölkerung viel mehr und professioneller als früher; umgekehrt ist auch in der Gesellschaft angekommen, dass die Wahrheit über die Chancen und Risiken neuer Techniken meist komplizierter ist als ein paar Buchstaben auf einer gelben Plakette.
Vielleicht war es ja ganz schlau von Theodore Maiman, dass er, als er den Laser vor 50 Jahren in einer Pressekonferenz vorgestellt hat, das Prinzip anhand eines Vergleichs nahebrachte, der völlig unverdächtig klang. Hier ein paar Auszüge aus seiner Rede damals:

“One way of explaining the importance of the laser is to say that as a scientific advance it projects the radio spectrum into a range some ten thousand times higher than that which was previously attainable, and its success marks the opeming of an entirely new era in electronics.”

Wie Sie sehen, präsentierte Maiman die Lasertechnik praktisch als eine Fortschreibung der Radiotechnik. Das ist interessant, weil diese Analogie heute in praktisch keinem aktuellen Buch mehr aufgegriffen wird. Maiman hat damals sinngemäß gesagt: So wie wir Radio hören können, weil wir in der Lage sind, Wellen einer bestimmten Frequenz zu erzeugen und diese Signale zu verstärken, so ist der Laser „im Prinzip“ auch nichts anderes, nur bei wesentlich höheren Frequenzen und mit entsprechend höherer Energie. Die anderen Unterschiede, die es natürlich dennoch gibt (etwa die Gerichtetheit und Parallelität der Strahlung – Voraussetzung für die Bündelung der Lichtenergie), hat er in dieser an Laien adressierten Präsentation unter den Tisch fallen lassen. Er spricht nicht von der “zerstörerischen” Wirkung des Lasers. Vielmehr stellt die künftige Rolle des Lasers in der Kommunikationstechnik in den Mittelpunkt.

The advantages of a coherent source are many. It can be used, for example, for communications purposes, because each one occupies only a small part of the spectrum. Thus we can tune in and obtain information from a desired source while filtering out all others. If your favorite radio station were to broadcast over a broad part of the spectrum (that is, if its transmitter were an incoherent source) you would experience interference from this station all over the band.

Diese Parallele zum Radio war natürlich insofern clever, weil das Radio nicht nur als eine völlig unbedenkliche Technik galt, sondern das Radio war damals ja noch das wichtigste Massenmedium, ein Inbegriff demokratischer Teilhabe. Durch diese Parallele hat Maiman somit auch eine Brücke gebaut zwischen Ihnen – der Welt des Lasers – und mir, der aus der Welt des Radios kommt. Für uns beide gilt: Wir führen ein gesellschaftliches Schattendasein, und es geht uns eigentlich ganz gut damit.
Wo viel Licht ist, ist starker Schatten. Im Umkehrschluss heißt das eben auch:
Wo viel Schatten ist, ist starkes Licht.
Nur dass Sie es haben – wir im Radio haben es nicht.

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